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Die Last mit der Lust


Last mit der Lust

Für Betroffene und ihre Beziehungen ist es belastend, wenn das lustvolle Erleben und das Ausleben von Sexualität einschränkt sind. Das wiederum ist ein gewichtiger Grund, Schamgefühle oder Unsicherheiten nicht in sich hineinzufressen, sondern Probleme anzusprechen – auch, wenn es nicht leicht fällt. Es gibt verschiedene Gründe für Erektionsprobleme oder fehlende Lust auf Sex. So können zu viel Alkohol, Drogen, Stress und depressive Verstimmung eine Rolle spielen. Auch bestimmte Krankheiten können sich auswirken. Wichtig ist in jedem Fall, mit Problemen nicht allein zu bleiben, sondern sich an einen fachkundigen Arzt zu wenden.

Sexuelle Funktionsstörungen sind nach wie vor etwas, über das viele ungern sprechen. Daher lässt sich auch nicht genau sagen, wie viele Männer darunter leiden. Experten schätzen, dass mindestens jeder Zehnte Probleme hat. Ältere Männer sind häufiger betroffen als jüngere. Auch HIV-Positive verzeichnen auffällig häufiger sexuelle Funktionsstörungen als Nichtinfizierte, weiß HIV-Schwerpunktmediziner Dr. Nils Postel: „Verschiedene Studien zeigen zwar unterschiedliche Ergebnisse. Insgesamt kann man jedoch sehen: 50 bis 60 Prozent der Männer mit HIV haben Schwierigkeiten. Das ist eine große Gruppe.“

Mediziner kennen beim Mann zwei Arten von sexuellen Funktionsstörungen, medizinisch sexuelle Dysfunktion genannt: Zum einen kann die Libido eingeschränkt sein, also die Lust auf und am Sex. Zum anderen können auf der körperlichen Ebene Probleme auftreten. Sie zeigen sich in der Unfähigkeit, eine Erektion zu bekommen oder der Penis bleibt nicht ausreichend lange steif, um befriedigende sexuelle Aktivitäten auszuleben. In diesem Fall spricht man landläufig auch von Impotenz.

Vielfältige Ursachen

Die Gründe für Funktionsstörungen sind vielschichtig und nicht immer einfach zu erfassen. „Die HIV-Infektion selbst kann sich negativ auf den Testosteronspiegel auswirken – mit Folgen für Libido, Erektionsfähigkeit, Muskelmasse und psychischem Befinden“, erklärt Dr. Postel. „Wird ein bestimmter Testosteronwert unterschritten, ist die Libido eingeschränkt oder eine Erektion gar nicht mehr möglich. Allerdings gibt es einen Graubereich, in dem kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Testosteronspiegel und einer sexuellen Funktionsstörung besteht. So können auch bei einem normalen Hormonspiegel Probleme auftreten, während das bei einem geringgradig zu niedrigen Testosteronspiegel nicht zwingend so sein muss. Insgesamt ist die Studienlage noch zu dünn. Deshalb ist eine große Studie geplant, in der wir ältere HIV-infizierte Männer, Diabetiker und Männer ohne chronische Erkrankung hinsichtlich Testosteronwerten und sexueller Funktionsstörung miteinander vergleichen wollen.“

Die HIV-Infektion kann sich zudem psychisch auswirken. HIV-Positive sind zum Beispiel nicht selten unsicher, wie sie sich ihrem Partner gegenüber oder in einer sexuellen Situation mit anderen verhalten sollen. „Sie fragen sich zum Beispiel, wie sie über Safer Sex reden können, ob und wie sie einem anonymen oder einem Gelegenheits-Sexualpartner sagen, dass sie HIV-positiv sind oder wie sie mit ihrer Angst umgehen können, jemanden anzustecken“, schildert Dr. Nils Postel. „Wenn man sich in einer sexuell aufgeladenen Situation über all das Gedanken machen muss, kann das schnell die Lust mindern oder zu Erektionsstörungen führen.“ Probleme mit Erregbarkeit und Erektion stehen darüber hinaus in einem engen Zusammenhang mit Depressionen. „Depressive Menschen leiden unter Symptomen wie Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit, sie fühlen sich erschöpft oder sind traurig und haben weniger Lust auf Sex“, erläutert Dr. Postel. „Und trotz der Behandelbarkeit von HIV stellen wir fest: Die Rate an Depressionen bei HIV-Infizierten hat nicht abgenommen.“

Sorgfältige Diagnose

Nun ist nicht jede Erektionsstörung oder jedes „Keine-Lust-Haben“ eine Funktionsstörung und die Einordnung von Auffälligkeiten fällt nicht immer leicht, da Sexualität individuell sehr unterschiedlich gelebt wird. Trotzdem ist es wichtig, frühzeitig mit dem Arzt über eventuelle Probleme zu sprechen. Ebenso entscheidend ist es, dass sich Arzt und Patient ausreichend Zeit nehmen, mögliche Ursachen zu ergründen. Für eine sichere Diagnose fahren Mediziner in der Regel zweigleisig. „Eine Grundlage ist die detaillierte labortechnische Bestimmung des Testosteronspiegels und weiterer wichtiger Parameter“, erklärt der HIV-Experte. „Hinzu kommt, dass Patienten einen standardisierten Fragebogen ausfüllen. Er enthält auf die Sexualität bezogene Fragen, aber auch Fragen zur psychischen und körperlichen Verfassung des Betroffenen. In der Regel ergibt sich erst dann ein eindeutiges Bild, wenn die Ergebnisse des Fragebogens vorliegen und mit den Testosteronwerten abgeglichen werden können.“

Eine sichere Diagnose kann allerdings nur stattfinden, wenn Betroffene mit ihren Problemen zum Arzt gehen. Damit tun sich viele schwer. „Sie empfinden ihre Situation als peinlich und möchten lieber mit niemandem darüber reden, mit engen Freunden nicht und schon gar nicht mit dem Sexualpartner“, erlebt Dr. Nils Postel immer wieder. „Ich kann jedoch jedem nur raten, mit seinen Sorgen nicht alleine zu bleiben. Denn dadurch wird nicht nur nichts besser. Womöglich entsteht sogar ein Teufelskreis aus weiteren Negativerlebnissen und sich verfestigenden Schwierigkeiten.“ Wer Probleme mit der Lust hat, sollte daher falsche Hemmungen über Bord werfen und mit seinem Arzt sprechen. „Die Aufgabe der Mediziner ist es, ihren Patienten den Umgang mit diesen Themen zu erleichtern“, betont Dr. Postel. „Patienten wiederum sollten ihrem Arzt als Ansprechpartner vertrauen. Offene Gespräche sind die Basis jeder erfolgreichen Therapie.“

Dr. Nils Postel arbeitet als HIV-Schwerpunktarzt in Berlin und hat sich auf den Bereich Männermedizin spezialisiert. Er ist Gründungsmitglied der Sektion Männermedizin „vir +“ der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (DAGNÄ) und Mitglied der Deutschen Aidsgesellschaft e.V.